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Die Grenze des Gewissens
von Bert Hellinger

Das, was wir gewöhnlich als Gewissen bezeichnen, ist ein innerer Sinn, ähnlich wie unser Gleichgewichtssinn, mit dessen Hilfe wir in einer Gruppe wahrnehmen, wie wir uns verhalten müssen, damit wir dazugehören, und was wir meiden müssen, damit wir die Zugehörigkeit nicht verspielen. Wir haben ein gutes Gewissen, wenn wir die Bedingungen für die Zugehörigkeit erfüllen. Wir haben ein schlechtes Gewissen, wenn wir von den Bedingungen der Zugehörigkeit abweichen.

Die Bedingungen für das Recht auf Zugehörigkeit sind von Gruppe zu Gruppe verschieden. In einer Familie von Dieben muss man anderes tun, um dazuzugehören, als zum Beispiel  in einer Pfarrersfamilie. In beiden Familien haben die Kinder bei völlig unterschiedlichen Verhaltensweisen ein gutes Gewissen oder ein schlechtes Gewissen.

Moralisch heißt also für viele das, was in unserer Familie gilt, und unmoralisch heißt das, was in unserer Familie nicht gilt. Der Inhalt davon ist also ganz aus dem System genommen.

Das Merkwürdige ist, dass wir uns aus dem guten Gewissen heraus das Recht nehmen, anderen, die anders sind, zu schaden. Wenn sich jemand auf sein Gewissenberuft, dann meistens, wenn er einem anderen etwas antun will. Wenn ich gut bin und Gutes will, brauche ich mich nicht auf mein Gewissen berufen. Das ist schon merkwürdig.

Deswegen ist das wirklich Gute etwas jenseits des Gewissens, und es braucht Mut, über das Gewissen hinauszugehen, um das wirklich Gute zu tun.  Das wirklich Gute heißt, dass es vielen dient, und dass es auch die Unterschiede von anderen Gruppen und anderen Systemen oder anderen Religionen als gültig anerkennt.

Es gibt aber auch eine übergeordnete Instanz. Sie wirkt jenseits von dem Gewissen, das ich gerade beschrieben habe. Sie wirkt, wenn wir mit etwas Größerem im Einklang sind. Wir erleben das Wirken dieser Instanz manchmal in einer Aufstellung, wenn alle Teilnehmer auf einmal im Frieden sind, wie mit etwas Größerem verbunden. Oder wenn einer merkt, er ist aufgerufen zu etwas, dem er sich nicht entziehen kann. Wenn er es nicht tun würde, würde in seiner Seele etwas zerbrechen. Oder wenn er etwas bestimmtes tun würde, von dem er vordergründig meint, es sei richtig, zerbricht auch etwas in der Seele. Was hier wirkt, ist auch ein Gewissen. Es ist übergeordnetes Gewissen. Es ist nahe am Sein, am Wesentlichen.

 

herzi

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