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Und jetzt erst recht    

Ein orientalisches Märchen

El Mafin war ein böser Kalif mit einem dunklen Herzen.
Er konnte auf die Schönheit der Welt und der Menschen

nur mit Neid, Haß und Bosheit reagieren.

Eines Tages sah er im Vorbeireiten in der Wüste eine winzigkleine,

junge, sehr schöne Palme, die ihre Blätter erwartungsvoll in die heiße Sonne streckte.

El Mafin stieg vom Pferd , lachte hämisch und er legte der kleinen Palme
einen großen Felsbrocken oben mitten in ihre junge Krone.
“Nie wirst du groß und schön werden, jämmerlich am Boden verkümmern
sollst du!” rief er, lachte wieder sein grausames Kalifenlachen und ritt davon.

Jahre später kam er auf seinem Wüstenritt wieder an der Stelle vorbei, wo er
vor Jahren die kleine Palme mit seiner boshaften Last beladen hatte.Doch
so sehr er auch suchte, er konnte sie einfach nicht finden!

Die junge Palme hatte damals erst einmal erschüttert und wie gelähmt nur
gewartet.Sie konnte nicht begreifen, was mit ihr geschehen war und was
so eine entsetzliche Bosheit bedeuten sollte, wo sie sich doch bisher so ungetrübt an ihrem kleinen Leben gefreut hatte.

Sie weinte, dann schrie sie, sie zitterte mit ihren Blättern und mit ihrem Stamm in ihrer Trauer und Verzweiflung bis tief in ihre Wurzeln.
Doch das alles half nichts.

So begann sie sich zu beugen, sich zu winden,ihre Krone tief zur Erde zu neigen, alles, um die grausame Last abzuwerfen – doch
der Fels saß mitten in ihrem Herzen, mitten in ihrem Lebenszentrum

…und jetzt erst recht

Ein orientalisches Märchen

da senkte die Palme voller Lebenswillen und voll von einsamem Mut ihre Wurzeln ganz tief in den Wüstenboden, tiefer und tiefer bis zu
den geheimen Quellen, die nie versiegen, und sie saugte Kraft, mit all ihrem kleinen  Willen saugte sie Kraft aus der Tiefe und begann,
sich gegen den Felsbrocken zu stemmen und gegen seinen Widerstand zu wachsen.
Höher und höher der Sonne entgegen. und von Monat zu Monat fiel ihr das Wachsen leichter, wurde ihre Zuversicht größer,
und der Felsbrocken in ihrer Krone gehörte mehr und mehr zu ihr. Als ihr Gegener zuerst, dann als ihr Ansporn, ihre Richtung –
und schließlich, umschlossen von einer mächtigen Blätterkrone,als ihr fremder Freund.”

El Mafin stand in der glühenden Mittagssonne und fluchte vor sich hin, weil er die verdammte kleine Palme nicht wiederfinden konnte.
Über ihren verkrüppelten Wuchs hätte er so gerne seinen Spott getrieben.
“Wo bist du, du jämmerliche, elende Kreatur, zeig mir doch deinen erbärmlichen Zwergwuchs, damit ich mich über dich freuen kann!”
schrie er in die weite stille Wüste hinein.

Da rauschte es auf  einmal hoch oben im Wipfel der größten und schönsten Palme, und langsam neigte sie ihr Haupt, so ,daß
El Mafin in ihrer Krone den Fels wiederfinden konnte.

“ Ich danke dir, El Mafin”, sagte die Palme, und sie klang ruhig und heiter,“denn durch deine boshafte Tat hast du mich das Wachsen gelehrt.”

herzi