eine Geschichte von Karin Schmitt

Helga Hilfreich hatte ein Jahr lang die Ausbildung zum Hospizbegleiter genossen. Jedem ihrer Freunde erzählte sie begeistert, dass dies das Beste sei, das sie je getan hatte. Ihre Freude war riesig, als sie den Anruf von Konrad Koordinator bekam, der ihr die erste eigenständige Hospizbegleitung ihres Lebens anvertraute.

Helga Hilfreich wollte alles geben, um Emil Endlich die schönsten letzten Tage der Welt zu bescheren. Sie war unendlich dankbar, dass Emil Endlich bereit war, diese für ihn einmalige und so besondere Zeit mit ihr zu teilen.

Erika Endlich war erschöpft, als es an der Haustür klingelte.

„Das muss die Hospizbegleiterin sein“, dachte sie und öffnete der angekündigten Besucherin die Tür. Helga Hilfreich blickte in das müde, dankbare Gesicht ihrer Gastgeberin. Es war nicht zu übersehen, dass Erika Endlich am Ende ihrer Kräfte war. Helga Hilfreich begrüßte Frau Endlich mit ihrem warmherzigsten Lächeln, das zum Ausdruck brachte: „Ich weiß um Ihre schwere Situation und fortan werden wir alles gemeinsam meistern. Ich bin für Sie da!“

Auch wenn Helga Hilfreich keines dieser Worte ausgesprochen hatte, fühlte Erika Endlich sich tatsächlich augenblicklich besser. Dann geschah jedoch etwas, womit Helga Hilfreich nicht gerechnet hatte. Kaum hatte sie das Haus betreten, strömte ihr ein dicker, übelriechender Dunstschleier entgegen, durch den sie sich gemeinsam mit ihrer Gastgeberin den Weg zu Emil Endlich bahnte. Ihr Magen schien sich dabei umzudrehen. Natürlich hatte sie in der Ausbildung davon gehört, dass Menschen kurz vor dem Tod streng riechen können, doch diese Intensität kam unerwartet und überwältigte sie. Auf einen Schlag war ihr alle Euphorie genommen. Sie sah aus, als befände sie sich selbst inmitten eines Überlebenskampfes. So kam es, dass Emil Endlich einen ganz anderen Ersteindruck der Hospizbegleiterin erhielt als seine Frau.

Helga Hilfreich war so übel, dass sie sich kaum auf Emil Endlich und seine Familie konzentrieren konnte und nur das Nötigste mit ihnen besprach. Als sie nach ihrem ersten Besuch bei sich zuhause angekommen war, legte sie sich auf ihr Bett und weinte bitterlich. Der für sie unerträgliche Geruch im Hause der Familie Endlich hatte ihr nicht nur den Geist vernebelt, er hatte auch ihre Herzlichkeit weggepustet, mit der sie der Familie Endlich so gerne einen Lichtblick hatte schenken wollen.

„So geht es nicht weiter!“, beschloss Helga Hilfreich und sie hatte auch schon eine Idee – allerdings eine, die sie Überwindung in der Umsetzung kosten würde …

Währenddessen unterhielt sich Erika Endlich mit ihrem Mann: „Sie ist ganz nett die Hospizbegleiterin.“

„Naja“, brummelte Emil Endlich, „so ganz mein Fall ist sie nicht.“

„Warte mal ab!“, legte Erika Endlich ihrem Mann nahe. „Es war heute ihr erster Tag.“

Als Helga Hilfreich am nächsten Tag bei Familie Endlich klingelte, öffnete Erika Endlich in voller Wintermontur die Haustür.

„Wie schön, dass Sie da sind! Wäre es für Sie in Ordnung, wenn ich schnell einkaufen gehe?“, fragte Erika Endlich, wobei sie sich scheinbar schon selbst die Antwort gegeben hatte.

„Gehen Sie ruhig und lassen Sie sich Zeit. Ich habe es nicht eilig“, versicherte ihr Helga Hilfreich.

Nachdem sich die beiden Frauen verabschiedet hatten, ging Helga Hilfreich zielstrebig zu Emil Endlich.

„Einen wunderschönen Tag wünsche ich Ihnen, lieber Herr Endlich! Heute lassen wir als Erstes ein bisschen frische Luft in ihre vier Wände!“

Sie trällerte diese Worte beschwingt mit der Leichtigkeit eines Vogels, während sie das Fenster öffnete. Mit weit aufgerissenen Augen erwiderte Emil Endlich entsetzt: „Sind Sie verrückt! Es ist eiskalt draußen. Wollen Sie mich umbringen?!“

Geistesgegenwärtig schnappte sich Helga Hilfreich alle Decken, die sie im Raum finden konnte und legte eine nach der anderen mit großem Elan über den erstaunten Emil Endlich.

„Ist Ihnen noch kalt?“, fragte sie ihn nach der dritten Decke.

Emil Endlich, der unter dem Deckenberg recht mickrig wirkend hervorlugte, schüttelte wortlos den Kopf. Begeistert fuhr Helga Hilfreich fort: „Und wissen Sie, warum es das größte Geschenk des Tages ist, dass es heute besonders kalt ist?“

Emil Endlich schüttelte erneut den Kopf. Die ungewöhnliche Situation machte ihn sprachlos.

„Wenn Sie das Geschenk der kühlen Winterluft begreifen wollen, schließen Sie Ihre Augen und lauschen Sie meinen Worten!“, ordnete Helga Hilfreich an.

Emil Endlichs Mimik zeigte deutlich, dass er sich fragte, ob Helga Hilfreich noch ganz bei Sinnen war. Sie warf ihm jedoch nur einen Blick zu, der sagte: „Na los, schließen Sie schon Ihre Augen!“

Emil Endlich hielt es für das einfachste, seine Augen zu schließen, denn für eine Diskussion war er zu schwach. Zu seinem Erstaunen bemerkte er, dass er sogar gespannt darauf war, was nun geschehen würde. Dieser Besuch hatte etwas Abenteuerliches. So lebendig hatte er sich lange nicht gefühlt.

„Atmen Sie die kühle, klare Winterluft sanft durch Ihre Nasenflügel ein und aus. Spüren Sie wie angenehm erfrischend das ist. Sie liegen wohlig warm in ihrem traumhaft-schönen, kuscheligen Bett und können gleichzeitig das Leben in ihren Nasen- und Lungenflügeln spüren. Ist das nicht wunderbar?“

Zwar schwieg Emil Endlich bei der rhetorisch gestellten Frage, doch er nahm fasziniert wahr, dass Frau Hilfreich recht hatte. Es war wirklich ein wunderbares Erlebnis. Helga Hilfreich kam in Fahrt:

„Diese kühle klare Luft ist ein Geschenk des Lebens an Sie. Sie brauchen nämlich jetzt mehr denn je einen kühlen, klaren Kopf, um Ihrem Leben den würdevollen Höhepunkt zu schenken, den es verdient hat.

Ihr Leben ist wie eine Sinfonie, ein großes Meisterwerk, das unbedingt ein würdiges Finale braucht. Dafür brauchen einen klaren Kopf und die frische Winterluft ist das Geschenk des Himmels an Sie, damit Sie dieses große, unvergesslich schöne Finale komponieren können.“

So ganz verstand Emil Endlich nicht, was Helga Hilfreich da sagte, doch er genoss es ihrer erfrischenden, wohltuenden Stimme zu lauschen und zu erfahren, dass ein wildfremder Mensch alles gab, um ihm etwas Gutes zu tun. Das allein bereitete ihm ein Vergnügen, wie er es schon lange nicht mehr empfunden hatte. Zudem gefiel ihm die Idee, seinem Leben ein würdiges Finale zu geben. Helga Hilfreich führte Emil Endlich nun wie in einer Meditation zu den einzelnen Punkten seines persönlichen „Sinfonie-Finales“. Sie legte ihm nahe, dass er überlegen solle, bei wem er sich noch bedanken oder entschuldigen wollte und ob in ihm noch Dinge brodelten, die es noch zu klären gab. Sie pries den Zauber der kühlen Winterluft, der ihm auch klar machen sollte, von wem er sich noch verabschieden wolle.

Die gesamte Winterluft-Meditations-Prozedur zog sich über gute 20 Minuten. Am Ende schloss Helga Hilfreich das Fenster zu dem nun bestens gelüfteten Raum und setzte sich auf den Stuhl neben Emil Endlichs Bett. Sein Blick schwankte zwischen Verwirrung und Berührung.

„Das war ungewöhnlich“, sagte er ein bisschen ruppig, denn er zeigte sich nicht gerne verletzlich oder gar berührt.

„Ja, das war es für mich auch“, lachte Helga Hilfreich. „Ich hoffe, es war ungewöhnlich schön“, fügte sie an.

Emil Endlich nickte. Dabei konnte er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Er konnte sich dem erfrischenden Charme seiner Hospizbegleiterin nicht entziehen. Dann legte ihm sein offenbar geklärter Geist nahe, was zu tun war:

„Ich brauche jetzt einen Moment für mich.“

„Gut, ich komme morgen wieder“, erwiderte Helga Hilfreich.

Emil Endlich nickte dankbar. Er war kein Mann von großen Worten.

Als Erika Endlich kurze Zeit später mit ihren Einkäufen zurückkehrte und Helga Hilfreich im Hausflur vorfand, war sie besorgt.

„Ist alles in Ordnung?“, wollte sie wissen. Sie befürchtete, dass ihr Mann nicht gut mit der Hospizbegleiterin zurechtkam. Schließlich war er am ersten Tag wenig begeistert von ihr gewesen und auch sonst konnten es ihm wenige Menschen wirklich recht machen.

„Es ist alles bestens“, beruhigte Helga Hilfreich sie, „ihr Mann braucht nur ein wenig Ruhe. Ich komme morgen wieder.“

Helga Hilfreich verabschiedete sich und Erika Endlich packte das kalte Entsetzen, als sie das Zimmer ihres Mannes betrat.

„Es ist eiskalt hier. Wollte Frau Hilfreich, dass du erfrierst? Ich glaube, wir fragen Herrn Koordinator nach einer anderen Begleiterin“, sagte Erika Endlich aufgebracht.

Emil Endlich schmunzelte innerlich über die Reaktion seiner Frau, doch laut sagte er bestimmt: „Frau Hilfreich bleibt und ich möchte, dass Du künftig dreimal am Tag die frische Winterluft in dieses Zimmer lässt. Sie macht mich lebendig und hilft mir, meinem Leben ein würdiges Finale zu bereiten.“

„Mmmh“, brummelte Erika Endlich, der das Ganze – und vor allem diese eigenartige Frau Hilfreich – nicht geheuer war. Doch im Laufe des gemeinsamen Abends mit ihrem Mann bemerkte sie, dass er so gut wie schon lange nicht mehr gelaunt war und mehr Leben als Sterben in ihrem Miteinander war.

An diesem Abend schliefen Helga Hilfreich, Erika und Emil Endlich mit einem guten Gefühl ein.

Es war der siebte Besuch bei Emil Endlich, als er Helga Hilfreich in seinem frisch gelüfteten Zimmer zu sich ans Bett bat. Sie setzte sich zu ihm, er nahm ihre Hand und blickte sie dankbar an: „Ich habe mich in den letzten Tagen von allen Menschen verabschiedet, die mir wirklich wichtig sind. Ich habe mich sogar bei manchen noch entschuldigt, was nicht gerade zu meinen Stärken zählt. Und dann gab es da noch die unausgesprochenen Sachen. Das war so gar nicht mein Ding, aber ich habe es geschafft. Ich habe sie ausgesprochen.“

Er machte eine Pause. Das Reden fiel ihm schwer. Er hatte einen Kloß im Hals.

„Ich hatte ein gutes Finale“, fuhr er fort, „aber eine Sache ist noch offen. Ich möchte mich bei Ihnen bedanken. Sie haben noch einmal frischen Wind in mein Leben gebracht. Ich war schon tot, bevor Sie kamen. Sie haben mich daran erinnert, dass ich noch gar nicht tot bin und ihre wunderbare Aktion mit dem Fenster hat mir ein großartiges Finale geschenkt. Meine Sinfonie hat ihren Höhepunkt erhalten.

Ich rate Ihnen: Lüften Sie regelmäßig, damit Ihnen das Leben nicht stinkt! Und nun gehen Sie. Nach dieser Woche weiß ich eines sicher: Ich mag keine Abschiede.“

Helga Hilfreich nickte und fasste noch einmal zärtlich seine Schulter, während sie ihn vielsagend anlächelte. Emil Endlich erwiderte ihr Lächeln und sie verließ wortlos den Raum. Sie hoffte, dass ihr Lächeln zum Ausdruck gebracht hatte, was für ein großes Geschenk Emil Endlich für sie gewesen war. Beide wussten, dass es ihre letzte Begegnung war.

Wie groß Emil Endlichs Geschenk des üblen Geruchs wirklich war, entpuppte sich erst später. Es dauerte nicht lange, da wurde Konrad Koordinator stets gefragt, ob nicht diese ungewöhnliche Hospizbegleiterin kommen könne. Die, die den frischen Wind zaubern konnte und das gute Raumklima schaffte. Die, die den Sterbenden motivierte, die letzten Tage zum Höhepunkt ihrer Lebenssinfonie zu machen.

Helga Hilfreich entwickelte Frischluft-Meditationen für jede Jahreszeit, die sie bald als Ausbilderin in der Sterbebegleitung weitervermittelte. Schmunzelnd sagte sie zu ihren Schülern: „Je intensiver Ihr Euch mit dem Sterben beschäftigt, umso besser werdet Ihr verstehen, wie man lebt und denkt immer dran: Wenn Euch mal etwas stinkt, dann ist es Zeit, frischen Wind in Euer Leben zu bringen.“