Haben, als hätte man nicht

„Du wirst mich nur halten, wenn du mich loslässt”,
sagte sie. „Klammere dich nicht an mich.
Ich muss frei sein, um bei dir bleiben zu können.”
Aber er verstand sie nicht.
Unmöglich schien es ihm, jetzt seine Freundin
loszulassen. Er hatte sie doch gerade erst gefunden.
Sie erriet seine Gedanken und sagte:
„Alles, was man festhält, stirbt, weil es sich nicht so
verändern kann, wie es sich verändern muss.”
Dann gingen sie an den Strand, und sie bat ihn, seine Hand zu einer Schale zu machen und offen zu halten.

Dann füllte sie sie mit trockenem, heißem Sand, bis
dieser zu einem kleinen Berg in der Hand wurde.
„Siehst du, wie reich du bist”, sagte sie dann.
Er aber verstand nicht, was sie meinte.
„Versuche, den Sand zu halten.”
Er drückte die Hand zusammen, versuchte die Finger
so zu stellen, dass kein Sand entkommen konnte.
Es gelang ihm nicht.
Je mehr er versuchte, den Sand zu halten,
desto mehr rann ihm zwischen den Fingern hindurch. Als er die Hand wieder öffnete, war sie fast leer.
„Jetzt verstehe ich dich”, sagte er.
„Ich will dich nicht halten. Du sollst frei bleiben.”
Und er ahnte den Schmerz, von dem sie geredet hatten.

 

Ulrich Schaffer